G8: Fünf Finger sind eine Faust

gepostet am 7. Juni 2007 - 15:12 von ((d))

Bericht von der erfolgreichen Blockade der Zufahrtsstraße zum Zaun in Börgerende.

In aller Früh stehen wir auf und machen uns in Kleingruppen auf Rostock richtung Westen zu verlassen. Schon beim ersten Treffpunkt an der Bahnstation in Lütow Klein wird klar: Wir sind viele...
Ob der Busverkehr nach Admannshagen, dem nächsten Treffpunkt, von der Polizei abgestellt wurde oder nicht ist eigentlich schon egal. Es hätte Stunden gebraucht um die mehrere hundert Menschen große Gruppe mit den Öffis zu transportieren. Also schließen wir uns einem langen Zug von Leuten an die sich zu Fuß aufgemacht haben. Mehr als 500 sind es als wir durch die aufwachende Vorstadt von Rostock ziehen, vorbei an Lichtenhagen, dem Stadteil in dem es im August 1992 zu tagelangen rassistischen Pogromen gegen AsylwerberInnen und dort lebende MigrantInnen kam.

Die Leute sind gut gelaunt und ruhig. Italienische GenossInnen singen Lieder und hier und da werden Sprechchöre laut. Bis zu dem Zeitpunkt an dem zwei Motorradstreifen der Polizei hinter uns aufschließen fließt sogar der Verkehr ungestört an uns vorbei.

Vor Admannshagen treffen wir dann auf die ersten behelmten Polizeieinheiten. Wenig später blockieren einige von ihnen auch schon die Straße und geben bekannt unsere Taschen kontrollieren zu wollen. Die meisten von uns sind in Bezugsgruppen organisiert, also wird spontan ein Delegiertenplenum abgehalten welches beschließt den Wunsch der Polizei zu erfüllen. Diese, völlig überfordert mit der Masse der auf sie zukommenden Menschen, beläßt es dann bei äußerst oberflächlichen Blicken auf und in die Taschen. Viele kommen sogar ganz ohne Kontrolle durch. Danach geht es ungestört weiter bis nach Admannshagen wo uns schon viele andere AktivistInnen erwarten.

Die Polizei ist mit weniger als 100 Beamten vor Ort als sich ohne ersichtliches Signal plötzlich drei Züge aus der wartenden Menge lösen. Während einige die PolizistInnen auf der Straße beschäftigen steigen andere über Zäune an zwei Seiten in die Felder ein. Die Polizei muss schnell einsehen, dass sie keine Chance hat die nun gut 2000 Personen aufzuhalten und zieht sich bald zurück. Einige der in voller Kampfmontur auftretenden Riotcops sind schon nach diesem kurzen Spurt völlig ausser Atem und müßen von KollegInnen gestützt werden. Unterdessen bewegen sich die 3 Züge, vereint jeweils hinter einer blauen, gelben oder roten Fahne, zügig durch die Getreidefelder nach Nordwesten. Als klar wird, dass sich die Polizei mehrere Kilometer zurückgezogen hat vereinen sich die Züge wieder auf der Straße. Die erste großräumige Sperre der Polizei taucht am Horizont auf, also biegen biegen die Züge wieder nach links und rechts in die Felder ab. Die Polizei hat auf ca. 2 Kilometern eine Querstraße besetzt. Sieben riesige Helikopter kreisen ein paar Mal bedrohlich über uns und setzen dann ihre bewaffnete Fracht, Einsatzhunderschaften der Polizei, in die Felder ab. Der richtige Zeitpunkt unseren größten Trumpf auszuspielen: die Fünf-Finger-Taktik.

Kurz vor Erreichen der Sperre splitten sich die Bezugsgruppen plötzlich auf. Der Gänsemarsch zerfranst in die Breite, die Polizei muss ihre Ketten auflockern. Ruhig und mit erhobenen Händen probieren die AktivistInnen zwischen den Schildern der Riotcops durchzuschlüpfen. Einige der PolizistInnen probieren mit gut zureden dagegen zu wirken, andere packen gleich ihr Pfefferspray aus und verteilen es großzügig auf die friedlichen DemonstrantInnen. Verletzte werden sofort aus der Gefahrenzone gebracht und medizinisch versorgt. 100 Meter links von uns sehen wir wie ein Wasserwerfer eingesetzt wird. Schlammfontänen spritzen meterhoch wenn der Strahl die Erde trifft. In der anderen Richtung haben es offensichtlich schon einige geschafft die Sperre zu durchdringen und warten darauf, dass wir es ihnen nachmachen. Die PolizistInnen schwanken zwischen Wut und Verzweiflung da schon absehbar ist, dass sie uns nicht mehr lange standhalten werden. Als sie dann schließlich ihren Befehl zum Aufsitzen bekommen ist der Großteil der Züge schon lange auf der anderen Seite und bewegt sich bereits weiter richtung Heiligendamm.

Bei der nächsten Querstraße, der L12 von Nienhagen nach Bad Doberan, dreht sich der Spieß um: Jetzt sind wir mit blockieren dran. Gleich an mehreren Stellen setzen sich hunderte Menschen in Ketten auf den Boden in der Hoffnung die Straße so lange wie möglich sperren zu können. Die Polizei setzt mehrere Wasserwerfer ein und geht brutal gegen die friedliche Blockade vor. Leute werden an den Haaren die Straße entlang gezerrt, in Gräben geworfen, geschubst und getreten. AktivistInnen berichten von Hautreizungen nach dem Einsatz der Wasserwerfer, was darauf hindeutet dass dem Wasser chemische Kampfstoffe beigemischt wurden.

Nach der Räumung der letzten Blockade geht es gemeinsam weiter durch die Felder. Bis zum Horizont ziehen sich die Züge der AktivistInnen als die Grenze der Demoverbotszone in Sichtweite kommt. Nach einer kurzen Sammlung und Absprache teilen sich die drei Züge wieder um ihre entgültigen Blockadepunkte in Börgerende-Rethwisch zu erreichen. Es handelt sich dabei um die Zufahrtstraße zu einem Reserve-Gate im Zaun, welcher nur mehr zwei Kilometer westwärts hinter einem Naturschutzgebiet liegt Die Polizei wartet schon auf uns, blockiert sich aber offensichtlich selbst. An mehreren Stellen machen es sich die AktivistInnen schon auf der Straße gemütlich während selbige wenige Meter weiter noch mit Schlagstöcken und Pfefferspray verteidigt wird. Doch der Widerstand durch die Polizei hält sich in Grenzen. Die Gesichter der oft noch jungen BeamtInnen sind von Resignation und Erschöpfung gezeichnet. Ihnen ist klar, dass sie heute verloren haben. Acht Mannschaftswägen der Berliner Polizei werden dann sogar von DemonstrantInnen gekesselt Sie wurden später in Verhandlungen gegen Lautsprecherwägen eingetauscht, welche sich bis dahin ausserhalb der Blockade befanden.

Die AktivistInnen hingegen sind trotz der zu Fuß zurückgelegten 20 Kilometer und den Attacken der Polizei euphorisch. Kaum jemand hatte es für möglich gehalten, dass wir wirklich unser Ziel erreichen würden. Als sich
die Polizei erstmal erschöpft zurückzieht legen sich viele auf der Straße schlafen oder packen ihre Jause aus.

Am späten Nachmittag regt sich dann wieder etwas. Der Einsatzleitung scheint eine neue Taktik eingefallen zu sein. Auf der Blockade tauchen sogenannte Konfliktmanager der Polizei auf, eine Einheit die wohl gebildet wurde um Mobbingopfern bei der Polizei ein Exil zu bieten. Sie probieren Leute in freundliche Gespräche zu verwickeln, machen unverbindliche Hilfsangebote und ähnliches. Bald wird aber klar wofür sie wirklich gekommen sind. Als sie beobachten wie einige Leute von einer Baustelle große Steine auf die Straße rollen packen sie ihre Telefone aus und führen ein paar kurze Gespräche. Wenige Minuten später tauchen zwei Hundertschaften Riotcops auf und besetzen äußerst brutal das in Bau befindliche Haus nahe der Blockade, welches eigentlich den Sanitätern als Unterkunft gedient hatte. Das weckt die bis dahin eher gemütliche Blockade auf. Schnell bilden sich Ketten und die Leute stimmen wieder Sprechchöre an. Wenig später stellt sich ausserdem heraus, dass die Polizei den Besitzer der Baustelle ausfindig gemacht und kontaktiert haben dürfte. Die Konfliktmanager werden nun dazu eingesetzt den Wasserhahn auf der Baustelle zu bewachen. Dieser stellte bis dahin die Wasserversorgung der Blockade sicher. Zusätzlich dazu wurde die aus Rostock anrückende Volxküche auf der Doberaner Straße festgehalten um sie daran zu hindern, die Blockade mit Essen zu versorgen. Gleiches galt für einen Transporter der Decken für die Nacht bringen sollte. Das Problem mit der Wasserversorgung konnte durch die Hilfsbereitschaft der AnrainerInnen gelöst werden. Auch hier probierte die Polizei immer wieder Menschen daran zu hindern ihre Flaschen aufzufüllen, sah aber bald ein dass das nur zur weiteren solidarisierung der BewohnerInnen mit der Blockade führte.

Die Polizei wollte also offensichtlich die Blockade aushungern. Eine gewaltsame Räumung wäre allein schon wegen der unzureichenden Kapazitäten und der Weitläufigkeit des Geländes zum Scheitern verurteilt gewesen. Ebenfalls dagegen dürfte auch die Anwesenheit von unabhängigen und kommerziellen Medien gesprochen haben, was der Polizei sicherlich noch mehr unangenehme Bilder beschert hätte. Eventuell spielte bei der Entscheidung der Einsatzleitung auch das politische Spektrum der Blockade eine Rolle. Vorwiegend zusammengesetzt aus moderaten und betont friedlichen Gruppierungen, welche sich in den vergangenen Tagen teilweise bereitwillig auf das Distanzierungsspiel der Medien eingelassen hatten, hätte sich die Polizei durch eine brutale Räumung diese Methode der Spaltung des Widerstands nachhaltig verbaut.

So richteten sich die verbliebenen gut 1000 TeilnehmerInnen für die Nacht ein. Während ich diesen Bericht schreibe ist die Blockade immer noch aufrecht und die Chancen stehen gut, dass das bis zum Ende des Gipfels so bleiben wird.

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