Besetzung 2.0

gepostet am 25. Oktober 2009 - 21:09 von mcp

Seit 4 Tagen läuft nun die Besetzung des Audimax der Universität Wien. Innerhalb kürzester Zeit haben es die Studierenden im Audimax geschafft, tausende zu Mobilisieren. Diese Mobilisierung passierte nicht nur, wie bei bisherigen Besetzungen, über SMS und Email, sondern zu einem grossen Teil auch ueber das sogenannte Web 2.0, also über 'soziale Netzwerke'. Besonders intensiv genutzt wurden von Anfang an Twitter, Twitpic & Facebook.

"Kameramann Arschloch!"
Bisher wurde in der linken Protestbewegung mit Bildmaterial immer besonders vorsichtig umgegangen. Das Bewusstsein bezüglich der Gefahr, die durch Repression von Behörden und/oder durch die Angriffe von der Antiantifa gegeben war, war vorhanden. Oftmals wurde der Spruch "Kameramann Arschloch!" bei Demonstrationen gerufen, weil manche Photografinnen ruecksichtslos Bildmaterial veroeffentlichten. Falls Aktionen von "unseren Photografinnen" dokumentiert wurden und Bilder von Aktivistinnen & Aktivisten veröffentlicht wurden, wurden die Gesichter unkenntlich gemacht. Bei der Besetzung der Triesterstrasse zum Beispiel, war beim Eingang ins Haus ein Hinweis, bitte keine Photos von Aktivisten & Aktivistinnen zu machen. Vor den Protesten gegen den G8 Gipfel in Heiligendamm wurde ein Antirepressions-Merkblatt veröffentlicht:

Quote:
Bei vergangenen Demos wurde die Erfahrung gemacht, dass Leute mit Kameras gezielt von der Polizei abgegriffen wurden oder Material (auch im Nachhinein z.B. zu Hause) beschlagnahmt wurde. Dieses kann von der Justiz als Beweismaterial verwendet werden.
Als FilmerIn / FotografIn hast Du Verantwortung für das aufgenommene Material und deshalb gilt es, entsprechend damit umzugehen! Du bist Teil einer kollektiven Aktion.

und

Quote:
Macht euch, BEVOR ihr auf den Auslöser drückt, Gedanken darüber, was ihr aufnehmen wollt. Aktionen zu filmen / fotografieren, insbesondere illegale, ist sehr heikel, denn damit werden andere gefährdet.
Denke jedes Mal von Neuem darüber nach, ob Du gerade Sensationsbilder machst oder nützliche Informationen sammelst. Der Schutz der Leute, die Du filmst, sollte immer vor der Sensationslust stehen!
Sprecht mit den Leuten, bevor ihr sie aufnehmt: klärt, ob, und wenn ja, wie sie aufgenommen werden wollen und ob sie mit einer Veröffentlichung des Materials einverstanden sind.

Quelle: http://de.indymedia.org/2007/05/176835.shtml

All diese Überlegungen, die in der Verganganheit linker Aktionen dem Schutz der Aktivistinnen gedient haben, sind bei der "Unibrennt"-Besetzung in den Wind geschlagen worden- oder, und das ist wahrscheinlicher, ein Grossteil der Besetzerinnen hat von der möglichen Repression und wie mensch sich und andere davor schützen kann keine Ahnung. Vergessen sind anscheinend die Geldstrafen nach der Besetzung des ehem. Fakultas 2004.

Web 2.0 & soziale Netze

Auch der Schutz der Privatsphäre ist nicht mehr wichtig. Auf Facebook & Twitter können soziale Netze nachvollzogen werden. Die Besetzung wird von den Aktivistinnen nicht mehr als politischer Akt gesehen, der rechtliche Auswirkungen nach sich ziehen kann, sondern als Happening, wo es darum geht dabei zu sein. Im Minutentakt wird darüber berichtet, was passiert, die Aktivistinnen Userinnen kommunizieren über öffentliche Plattformen, die für jeden & jede einsehbar sind. Die Userinnen nehmen virtuell an der Besetzung teil und teilen es der restlichen Welt mit, sobald sie real dort sind. Auch hier gibt es, wie bei den Fotos, Gefahr von Repression im Nachhinein. Wie genau die Behörden die Privatsphäre von Aktivistinnen durchleuchten, zeigen die Verhandlungen gegen die Tierrechtsaktivistinnen:

Quote:
Verfassungsrechtlich geschützte Grundrechte werden ausgehöhlt, um politische Aktivist_innen zu kriminalisieren. Langjähriger legaler Aktivismus wie z.B. Kampagnenarbeit, Teilnahme an Kundgebungen, Demos, das Verfassen von Flugblättern oder der öffentliche Auftritt bei einer Podiumsdiskussion und Verwaltungsübertretungen etwa durch zivilen Ungehorsam werden nun als Indiz für die angebliche Mitgliedschaft bei einer kriminellen Organisation zurechtgebogen.

Quelle: http://antirep2008.lnxnt.org/?page_id=886

Nicht jede technische Möglichkeit muss genutzt werden

Am Samstag den 24. Oktober 2009 wurde ein Livestream eingerichtet, um das Plenum der Besetzerinnen live im Netz zu übertragen. Mehr als 1000 Zuseherinnen konnten so die Vorgansweise bei der Beschlussfassung mitverfolgen. Die Sprecherinnen der einzelnen Arbeitsgruppen (die sich teilweise namentlich vorstellten) wurden beim Vorstellen der Ergebnisse der Arbeitsgruppen von einer Webcam abgefilmt- und das teilweise ohne deren Wissen. Dies ist ein gefundenes Fressen fuer etwaige Ermittlungen im Nachhinein, wenn, wie schon öfter passiert, der Vorwurf einer kriminellen Organisation konstruiert werden soll.

Ergänzungen

angst fressen seele auf!!!!!!!!!!!!!!!!!

sollten wir wirklich schon in einer zeit leben, wo es nicht mehr möglich sein soll. sich zu seinen wünschen ud taten zu bekennen? sind ir den schon so weit, das wir uns vor unserem eigenen mut fürchten müssen?
nein, so ist es nicht, fürchten müssen sich offfensichtlich nur die "grossen und wichtigen", aber die haben wir ja eh nicht an die spitze der bewegung gelassen.
fürchtet euch nicht und lasst euch nicht die angst vor der öffentlichkeit einreden. denjenigen unter euch, die damit unruhe stiften wollen traut nicht, da sie im interesse (absichtlich oder unabsichtlich) der gegner arbeiten, für die es keine grössere gefahr gibt als menschen, die sich offen zu ihren wünschen und träumen stehen zu trauen.

Besetzung des ehem. Fakultas 2004.

konkrete frage: was war im nachhinein bei der facultas-besetzung? der link geht nur auf einen aktionsbericht, über die späteren folgen findet sich dort nichts

Danke für diesen Artikel

Ich bin froh darüber, dass dieses Thema angesprochen wird. Im Audimax befinden sich zurzeit viele Menschen die zu dieser Thematik leider nicht sensiblisiert sind. Es wird ganz offen mit allem umgegangen, alles ist transparent, alle haben zugriff auf alles - ob der verfassungsschutz oder provokateure aus dem rechten Lager. Natürlich wird die informelle "Informationshierarchie" ausgeschalten, jedoch wurden die Konsequenzen darüber in diesem Raum bis jetzt noch nicht diskutiert.
Also nochmal danke für den gut recherchierten Artikel

Mir geht diese Paranoia und

Mir geht diese Paranoia und Anonymität langsam sehr auf den Senkel. Man macht sich ja nicht mal die Mühe ein frei erfundenes aber durchgängig benutztes Alter Ego zu verwenden. Konsequenzen kann es geben, bei mir gab's die nie aber ich begehe Gesetzesübertretungen wenn dann nur mit voller Absicht und in Erwartung einer unsinnige Strafe seitens der Legislative.

Es schön dass es bei der Besetzung den meisten wurscht war, nicht nur vermummte rumliefen sondern Studenten die sich mal nur über die Bildungsmisere beschweren wollen.

Gesunder Umgang vs. Paranoia

Was hat ein "gesunder" und reflektierter Umgang des Web 2.0 mit Paranoia zu tun? Magst du dich auf youtube, facebook und co. wiederfinden ohne es vorher zu wisssen? Warum muss jede minute abgefilmt, fotografiert und gestreamt werden? Ist es wirklich nötig jede Sekunde des Protests zu dokumentieren?
Bei dieser Besetzung wird es dem Staat so einfach wie möglich gemacht Daten von hunderten von Aktivistinnen zu sammeln und zu archivieren. Es geht nicht darum, vermummt durch die Gegend zu rennen - sondern Leute die beispielsweise mit Kamaras die Arbeitsgruppen und Workshop-Wand ab fotografieren darauf anzusprechen und aufzuklären, das dies hier nicht erwünscht ist.
Du meinst du begehst Gesetzesübertretungen nur in vollem Bewusstsein, aber viell ist es in ein paar Monaten schon rechtswidrig an einem Plenum teilzunehmen, jetzt bist du jedoch auf tausenden Fotos zu sehen, verlinkt und mit Namen versehen - die Daten werden über Jahre gespeichert und mit anderen Aktivitäten deiner Person verknüpft, es geht hier wie gesagt nicht um Paranoia - hier geht es um Prävention, um Sensibilisierung und um für mich auch um Selbstschutz und Privatsphäre.

danke

ich bin über einen kommentar von diesem blog (
http://nacaseven.wordpress.com/2009/10/30/die-gestreamte-revolution-und-... ) auf den artikel gestossen. es ist echt der beste artikel, der bis jetzt zum thema unibrennt und repression geschrieben wurde. der sollte umbedingt bei den besetzungen weiterverbreitet werden. irgenwie werd ich das gefühl nicht los, dass sich einige aktivistInnen nicht ganz im klaren über die auswirkungen (mögliche repression!) ihres handels bewusst sind. für viele ist es die erste besetzung oder die erste größere aktion- ich denke es wäre wichtig, dass der text breit gestreut wird.
DANKE für den text.

super text und ur

super text und ur wichtig.Danke!

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