Kleine Geschichte des Hauses Triester Strasse 114

gepostet am 3. Oktober 2009 - 15:01 von just me

Das Haus Triester Strasse 114 wurde als Schule erbaut. Daran
erinnert unter anderem der Spruch an der Hausfront "Ohne Fleiß
kein Preis". Es dürfte um die Jahrhundertwende gebaut worden
sein. Damals befand sich direkt nebenan das Ziegelwerk von
Wienerberger. Heute erinnert nur noch der Sportklub des Sc Wienerberger, der direkt nebenan liegt, sowie der Wienerberger Teich an diese Zeit. Die vor allem tschechischen Arbeiter_innen dort
wurden auf das ärgste ausgebeutet, sie mussten im Ziegelwerk
schlafen, bekamen Hungerlöhne und gehörten zur untersten
sozialen Schicht. Ob die Initiative zum Bau der Schule von den
tschechischen Arbeiter_innen oder von der Stadt Wien ausging,
ist unklar. Jedenfalls ist die Stadt Wien Eigentümerin der
Schule. Die Schule dürfte Anfang der 70iger geschlossen worden sein.

Daraufhin folgte eine lange Zeit des Leerstandes. Das Gebäude
wurde als Ersatzobjekt wiederholt der Besetzer_innenbewegung
angeboten, so der Arena, dem EKH und der Aegidi/Spalogasse.
Angenommen wurde dieses Angebot nur kurzfristig von obdachlosen
Menschen von der Arena-Besetzung. Die schlechte Lage am
Stadtrand in der Nähe einer Autobahn war der Grund der Absage
der damaligen Besetzer_innen.

Zwischen 1989 und 2007 wurde das Gebäude als "Lernstatt"
benutzt, wo Mädchen auf technische und handwerkliche Berufe
vorbereitet wurden und junge Migrantinnen gefördert wurden
Laut Informationen des Vereins Sunwork (Bildungsalternativen
für Mädchen und Frauen) war dieser Ort ein Freiraum, wo junge
Frauen experimentieren, Neuland erforschen und Grenzen
überschreiten konnten. Das Programm fiel dem Sparstift der Stadt
zum Opfer. Seit August 2009 steht die Triester Strasse 114
wieder leer.

Am bekanntesten wurde das Gebäude als Amtsgebäude der MA 2412,
einer österreichischen Sitcom, die zwischen 1998 und 2000 hier
gedreht wurde. Der Parkplatz sowie das Amtshaus des Amt für
Weihnachtsdekoration waren deswegen des öfteren im Fernsehen zu
sehen. Auch das kleine Tor, das im Intro zu sehen ist, befindet
sich hier in der Nähe.

Seit dem 2.Oktober wird das Haus von der Gruppe "Hausprojekt"
wiedergenutzt, die hier ein sozio-kulturelles Projekt mit
gemeinschaftlichen Wohnbereich schaffen wollen.

(Anmerkung: Dieser Text beruht auf Informationen/Gerüchte, die
ich direkt im Haus gesammelt habe. Deswegen sind Fehler und
Ungenauigkeiten möglich)

Ergänzungen

Ergänzungen zur Hausgeschichte

Ja, die Lernstatt war ein wichtiger Ort für Mädchen und Frauen/Lesben. Aber nicht nur: Von Beginn weg gab es dort ebenso gemischt-geschlechtliche Beratungs-, Berufsorientierungs-, Ausbildungs- und Beschäftigungsprojekte -zuerst unter der Ägide des Vereins Jugendzentren der Stadt Wien, später dann mit unterschiedlichen Trägervereinen.

Für die Aufnahmen zur Serie MA 2412 wurden immer nur das Gartentor eines Nachbargrundstückes, die hässlichste Ecke des Gartens als Parkplatz und die Fassade gedreht- die Innenaufnahmen waren aus einem anderen Gebäude: die waren in der Triesterstraße nämlich viel hübscher, offener, luftiger!!

Die Leute, die in den Projekten der Lernstatt gearbeitet haben, haben über die Jahre enorm viel Kraft und Liebe in die Revitalisierung von Haus und Garten gesteckt (Das war nicht immer einfach, zumal das Haus ja die längste Zeit sogar unter Denkmalschutz gestellt war und immer irgendwelche Auflagen/Einschränkungen gemacht wurden). Mit entsprechend miesen Gefühlen haben wir dann das Haus geräumt, schon damals mit der Befürchtung, dass es nun womöglich doch dem Abbruch preis gegeben werden würde. Deshalb freuts mich als ehemalige Lernstatt-Mitarbeiterin sehr, dass sich wieder welchE das Haus erobern und was Neues drinnen machen. Es ist ein gutes Haus, es hat eine wirklich gute Atmosphäre, es kann noch vieles beheimaten.

Ich wünsch auch Euch so viel Freude, Kraft, Spaß, viele Erfahrungen, .....!!!

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