Mindestens 600 Leute beteiligten sich an der Demonstration, die am 9. November 2006 zu mehreren zentralen Orten des Rechtsextremismus und Neonazismus in Wien führte. Gelegentlich kam ein wenig Stimmung auf, doch die längste Zeit war es ruhig. Es gab mehrere kleinere Auseinandersetungen mit der Polizei, Verhaftungen sind aber keine bekannt.
Treffpunkt war um 17.00 Uhr vor der Zentrale der FPÖ an der Ecke Mariahilferstraße / Theobaldgasse. Die zahlreichen anwesenden PolizstInnen beschränkten sich vor allem darauf, die Gebäude, in denen die Rechtsextremen ihr Pläne schmieden, vor möglichen Attacken zu beschützen. Von der FPÖ-Zentrale ging es nach einiger Zeit durch den 6. Bezirk zur Bude der Burschenschaft Olympia in der Gumpendorferstraße 149.
Dort gab es einige Gerangel mit der Polizei. Es flogen ein paar Leuchtraketen und auch die graue Fassade bekam etwas frische Farbe ab. Damit wurde sie einmal mehr verziert, denn es finden sich dort fast immer Sprayereien, wie die einfache Aussage "Nazischweine". Die Burschenschafter hatten das Licht ausgemacht und versteckten sich offenbar angesichts der antifaschistischen Übermacht. Die Demonstratio blieb relativ lange vor der Burschenschaft stehen, wohl weil etliche Reden vorgetragen wurden, die wieder mal viel zu lange dauerten. Danach ging es weiter über den Gürtel bis zum 16. Bezirk.
Dort bog die Demo in die Koppestraße ein und machte vor dem Haus Nummer 72 (Ecke Kreitnergasse) halt. Hier befindet sich ein weiterer zentraler Ort des Rechtsextremismus: Das Dr.-Fritz-Stüber-Heim der Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik (AFP), in dem sich immer wieder Rechtsextreme und Neonazis treffen. Die Polizei hat in diesem Haus schon des öfteren Neonazistische Propaganda beschlagnahmt. Nachdem vor einigen Jahren ein Waffenlager dort ausgehoben wurde, musste die AFP das ehemalige Freiherr-von-der-Trenck-Heim 1993 umbenennen. Doch diese Änderung ist nur eine kosmetische und es ist ein offenes Geheimnis, dass dieses Haus aktuell eines der wichtigsten Zentren der Neonaziszene in Wien ist. (Mehr dazu
hier und auf
doew.at)
Ein paar Neonazis waren an diesem Abend auch anwesend, als die Demo kam. Sie ließen es sich nicht nehmen, mit einem Transparent kurz vor das Haus zu kommen. Angesichts der zahlreichen AntifaschistInnen, die sofort versuchten, die Polizeiabsperrung zu überwinden, wurden sie von der Polizei sofort zurück in ihr Zentrum gedrängt. Es gab einen kurzen kurzen Versuch der Antifas, die Tretgitter der Polizei zu beseitigten, was aber nicht gelang. Somit blieb es bei der Symbolik.
Nach einem Redeschwall über den LautschercherInnenwagen wurde die Kundgebung aufgelöst und eine Demo zog zurück zum Gürtel. Dabei wurden, wie schon mehrmals zuvor, ein paar Nazis gesichtet. Doch waren die Antifas zu langsam - und die Nazis schafften es, ohne Blessuren davon zu kommen. Und die PolizistInnen zeigten, dass es gar nicht so leicht ist, derart ausgepolster und schwer bewaffnet zu sprinten...
Zur Demo hatten unterschiedliche Gruppen aufgerufen. Deshalb gab es im Vorfeld auch Kritik an der Demo. So schrieb no-racism.net: "Des Weiteren findet am 9. November auch eine antifaschistische Demonstration in Wien statt. Im offiziellen Aufruf zur Demo wird jedoch gerade mal in zwei Sätzen auf den Novemberpogrom 1938 hingewiesen. Dafür werden u.a. eine 'Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn und Mindestlohn', 'soziale und demokratische Rechte für alle, die hier leben' und 'Schluß mit der Hetze gegen MigrantInnen' gefordert." (Dieser "offizielle Aufruf" findet sich u.a. auf
slp.at und
kominform.at) Der Vollständigkeit halber wird noch angeführt, dass es auch einen Aufruf einer autonomen Gruppe gibt, zu finden
hier und auf
no-racism.net. In einer
Stellungnahme von einigen aus dem autonomen Block wird auf diese Kritik eingegangen.
An dieser Stelle sollte noch angemerkt werden, dass es in letzter Zeit vermehrt zu rassistischen Übergriffen kommt und die militante Neonaziszene wieder aktiver geworden ist. Sie scheint besser vernetzt und es ist aus der Vergangenheit bekannt, dass die Nazis den 9. November der rechtsextremen bis neofaschistischen Szene mehrere Gründe zu feiern bietet: Gescheiterter Hitlerputsch in München, Novemberpogrom 1938, Fall der Mauer.
Vor einigen Jahren kam es in diesem Zusammenhang zu einem Übergriff in Wien. In der Nacht vom 8. auf den 9. November 1997 veranstaltete die deutschnationale Burschenschaft Olympia ein Gedenkbesäufnis in ihrem Haus in der Gumpendorferstraße. Gegen ein Uhr in der Früh kam eine Gruppe von jugendlichen Antifas am Olympia-Haus vorbei und vermeinte aus dem Haus "Sieg Heil"-Rufe zu hören. Als Reaktion darauf begannen die Antifas ArbeiterInnenlieder zu singen. Es entwickelten sich einige Schreiduelle mit den Burschenschaftern, die nach und nach vor die Haustür kamen. Dann eskalierte die Situation. Nach den zunächst noch glimpflich verlaufenden Rempeleien setzten einige Burschenschafter Tränengas gegen die Antifas ein. Mittlerweile waren die Burschenschafter auch eindeutig in der Überzahl. Die Antifas ergriffen die Flucht, sechs von ihnen blieben jedoch, vom Tränengas außer Gefecht gesetzt, liegen. (Mehr dazu im
TATblatt-Archiv)
Dass dies gerade vor der Bude der Olympia geschah, ist sicher kein Zufall, denn diese Burschenschaft zählt zu jenen, die am weitesten rechts und dem Gedankengut des NS nahe stehen und ist seit mehreren Jahrzehnten in verschiedenste terroristische Aktivitäten verwickelt ist. Nachdem in Folge ihres "Freiheitskampfes" für Südtirol mehrere Menschen ermordet wurden, wurde die Olympia 1961 behördlich verboten. Doch auch in den folgenden Jahren waren die Olympen aktiv - sie organisierten sich zwischenzeitlich in der Burschenschaft Valdania - bis 1974 die "Akademische Tafelrunde Olympia" gegründet wurde. (Mehr zur Olympia im
TATblatt)
Links:
Anmerkung: Dieser Text ist die überarbeitete Version eines am 9. November 2006 auf ch.indymedia.org veröffentlichten Berichts.