Nachfolgend eine Zusammenfassung der Ereignisse an der Suedgrenze der Festung Europa der letzten Tage. Nachdem die sich haeufenden Todesfaelle in Ceuta und Melilla seit einigen Tagen auch Thema in den europaeischen Massenmedien sind, gibt es schrecklicherweise wenig Diskussion ueber die Ursachen der Toten der Festung EUropa.
Massenansturm auf die Grenze von Ceuta und Melilla
Die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla waren schon immer ein wichtiger Anlaufspunkt fuer afrikanische Fluechtlinge. Seit es durch die verstaerkte Ueberwachung der suedspanischen und der kanarischen Kuesten immer schwieriger wird mit bateras (selbstgebauten Boote) auf EU-Land zu kommen, haben die Versuche die Grenzzaeune zu ueberqueren seit Sommer dieses Jahres stark zugenommen. In den Waeldern rund um Ceuta und Melilla hausen hunderte subsaharische Fluechlinge unter miesesten Umstaenden. Sie warten dort auf guenstige Wetterverhaeltnisse um dann mit selbstgebauten Leitern und eingewickelt in Stofffetzen die Grenzzaeune, die oben mit Stachelkdraht verstaerkt sind, zu ueberqueren. Auch die Tatsache dass Spanien derzeit alle Grenzzaeune von 3,5 auf ueber 6 Meter erhoeht duerfte ein Grund fuer die vermehrten Versuche der letzten Tage sein.
Gegenseitige Schuldzuweisungen nach Todesschuessen
Seit Ende August hat das Grenzregime durch Schuesse schon vereinzelt Todesopfer gefoerdert (siehe
at.indymedia.org//newswire/display/54507). Wurden die ersten vereinzelten Todesfaelle von den Medien noch grossteils totgeschwiegen, so sind die Todesfaelle der Massenanstuerme der letzten Tage mittlerweile Thema auf den Titelseiten saemtlicher spanischer Medien. Dabei geht es aber weniger um eine Anklage der Todesschuesse im generellen sondern vielmehr um eine Schuldzuweisung an die marokkanischen Sicherheitskraefte und einem gleichzeitigem Freispruch der spanischen Guardia Civil (siehe Berichte auf indy.de:
de.indymedia.org//2005/09/129316.shtml und jungle world:
www.jungle-world.com//seiten/2005/39/6339.php). Diese Anschuldigungen sind durchwegs vorsichtig weil auch Spanien weiss dass es die marokkanische Zusammenarbeit braucht um die Festung Europa abzusichern. Dabei wird Marokko ueberhaupt gern als Hauptschuldiger der Ereignisse der letzten Tage genannt weil es angeblich trotz Abkommen und finanziller Unterstuetzung nicht genug zur Absicherung der Grenze unternimmt. Einen eindrucksvollen Bericht aus erster Hand ueber eine Nacht an der europaeischen Suedgrenze erzaehlt ein Aktivist von Indymedia Estrecho, uebersetzt von indy.de:
de.indymedia.org//2005/10/129359.shtml.
Spanien schiebt MigrantInnen nach Marrokko ab
Seit einigen Tagen schiebt nun Spanien auch wieder erfolgreich Gefluechtete nach Marokko ab. Es beruft sich dabei auf ein bisher kaum genutztes Abkommen aus dem Jahr 1992, das Spanien zusichert, Fluechtlinge bei denen der Herkunftsort feststellbar ist, nach Marokko zurueckzuschicken. Schon bei den massiven Grenzuebertritten der letzten Tage wurden massenhaft schon auf spanischen Gebiet befindliche MigrantInnen durch Tueren im Grenzzaun wieder nach Marokko zurueckgeschickt und zum Teil auch gepruegelt. Die spanische Zeitung El Pais stellte heute einige Audiomitschnitte von Konversationen zwischen Guardia Civils waehrend eines Ansturms auf ihre Webseite. Daraus geht hervor dass die amtshandelnden Militaerpolizisten angewiesen wurden, Fluechtlinge die schon auf spanischem Gebiet waren, den marokkanischen Grenzpolizisten zu uebergeben. (siehe Abschrift der Konversation auf spanisch:
estrecho.indymedia.org//newswire/display/15893/index.php">estrecho.indymedia.org//newswire/display/15893/index.php)
Marrokko schiebt Fluechtlinge in Wuestengebiet ab
Die dramatischten Nachrichten der letzten Tage kommen aus Marokko: Seit letzter Woche deportieren die marrokanischen Sicherheitskraefte subsaharische MigrantInnen in den algerischen Teil der Sahara etwa 400 km suedlich der Mittelmeerkueste. Marrokko fuehrt diese Abschiebungen ohne das Wissen oder die Unterstuetzung Algeriens durch. Die Leute werden in Wuestengebiet ausgesetzt, es gibt weder Wasser noch Lebensmittel noch eine naheliegende Stadt. Augenzeugen sprechen von bisher mindestens 14 Toten und einer grosser Zahl von Vermissten. Die Herkunftslaender dieser MigranntInnen sind vielfaeltig: DR Kongo, Elfenbeinkueste, Mali, Nigerien, Liberia, Kamerun, Senegal, Guinea-Bissau, Guinea, Kongo, Gambia, Niger, Somailia, Sudan, etc. Aerzte ohne Grenzen Spanien spricht mittlerweile von ueber 500 in der Wueste Ausgesetzten, unter ihnen Schwangere, Kinder und Verletzte. Ein Protestbrief gegen die Abschiebung von MigrantInnen ins Wuestengebiet findet sich hier:
at.indymedia.org//newswire/display/54576/index.php
Einziger Loesungsansatz: Ein dritter und hoeherer Grenzzaun
All die schrecklichen Ereignisse der letzten Wochen haben die spanische Regierung neben der Abschiebung von Fluechtlingen bis jetzt nur zu zwei konkreten Handlungen veranlasst. Einerseits wird ein dritter, diesesmal natuerlich noch sicherer Grenzzaun gebaut. Dieser zeichnet sich durch automatische Traenengassprueher und eine speziell gegen Leitern gerichtete Konstruktion aus. Die andere Massnahme ist der Beschluss, Marokko mit 20 Millionen Euros ein repressiveres Grenzregime schmackhaft zu machen. Ueber die Gruende der Flucht aus von Kriegen und Hungersnoeten geplagten Laender Zentralafrikas wird unterdessen recht wenig nachgedacht (siehe Bericht auf telepolis:
www.heise.de//tp/r4/artikel/21/21064/1.html). Und schon die vereinzelte Gewaltanwendung von MigrantInnen gegen die Grenzpolizei zeigt, dass hoehere und angeblich sichere Zaeune nur die Verzweiflung der Fluechtlinge vergrossern wird, sie aber keinsesfalls davon abhaelt die Strapazen eines illegalen Grenzuebertritts auf sich zu nehmen (siehe telepolis:
www.heise.de//tp/r4/artikel/21/21086/1.html). Es duerfte wiedereinmal Auftrag der sozialen Bewegungen sein, die Regierenden auf die kranke Tatsache der Festung Europa hinzuweisen. In mehreren Staedten Spaniens wird inzwischen zu Demonstrationen aufgerufen um die Regierung zu einem menschlicheren Handeln zu zwingen.
Weitere Infos
Das von andalusischen und marokkanischen AktivistInnen betriebene Indymedia Estrecho/Madiaq berichtet aus erster Hand von den Ereignissen an der Grenze, grossteils auf spanisch:
estrecho.indymedia.org//