Neue Gesetze gegen soziale Bewegungen werden in Italien angekündigt. Die
Konstrukte gegen die sozialen Bewegungen sind dabei durchsichtig und widersprüchlich. Doch Kritik an diesen Konstrukten scheint für die europäische Presselandschaft tabu zu sein -
news.google.de//news?q=anarchisten&hl=de&lr=&ie=UTF-8&sa=G&edition=de&scoring=d">sämtliche Medien unterstützen die von der Berlusconi-Regierung ausgehende Anti-Anarchisten-Kampagne. Was tatsächlich hinter der Anschlagsserie steckt, kann nur gemutmasst werden.
Vor einer Woche erschien bei Indymedia.de ein Feature (
Italien/EU: Inszenierung einer Anschlagsserie), welches viele Fakten und Hintergrundinformationen zur Terrorinszenierung, zur
"Strategie der Spannung", zu
Fake-Anschlägen und mehr enthält.
Dieser Artikel versteht sich als Ergänzung und Aktualisierung des Features von letzter Woche dazu.
Den Medien zufolge wurden bis Anfang der Woche 6 Briefbomben an EU-Einrichtungen verschickt. Zuvor traf es über einen längeren Zeitraum hinweg mindestens 70 Ziele innerhalb Italiens. Dabei gab es jedoch keine ernsthaft Verletzten. Kriminologe Christian Pfeiffer sagte dem ND zufolge: "Diese Umschläge enthalten keinen Sprengstoff, sondern eine brennbare Substanz, die beim Öffnen in eine Stichflamme aufgeht." (
www.nd-online.de/artikel.asp?AID=47051&IDC=2).
Anfang der Woche meldeten die Presseagenturen, daß sich die EU dazu entschlossen habe, eine Task Force gegen die Anarchisten einzurichten. Der Task Force, die unter Leitung von Berlusconis Staatsanwalt Enrico Di Nicola steht, gehören Ermittler aus Deutschland, Spanien, Frankreich, Griechenland und den Niederlanden sowie Vertreter von Europol an. Länderübergreifende Polizei-Zusammenarbeit in der EU wird durch eine vielzahl undurchsichtiger Gesetze, Richtlinien und Abmachungen geregelt. Dabei wurde bewusst auf Intransparenz wert gelegt. Es ist faktisch unmöglich, länderübergreifende Einsätze oder Einrichtungen wie "Europol" parlamentarisch oder sonstwie zu kontrollieren. (Für mehr Informationen dazu:
Europäische Innere Sicherheit - Artikel bei
cilip - Bürgerrechte und Polizei)
Zusätzlich sollen in Italien neue Gesetze gegen soziale Bewegungen geschaffen werden: "Schon wird in Italien nach neuen, verschärften Gesetzen gerufen, um den vorgeblichen "Archipel der Gewaltbereitschaft" trockenzulegen", weiß "Neues Deutschland"
heute zu berichten. Die österreichische Zeitung DerStandard schreibt, daß
Verdächtige in Italien gefasst sind.
Absurd und durchsichtig ist die Kampagne von Beginn an.
Informationen bekommt die deutsche Presse beispielsweise hauptsächlich durch Presserklärungen der EU-Vertreter und von den Nachrichtenagenturen. Diese sind jedoch politisch einseitig und nicht an differenzierter Berichterstattung interessiert. Die Nachrichtenagenturen bekommen ihre Informationen aus Italien wiederum direkt von der Berlusconi-Regierung oder den Berlusconi-Medien. In den Zeitungen und Fernsehsendern werden diese Agenturmeldungen meist ungeprüft übernommen. Teilweise werden Einzelheiten hinzuerfunden, Berichte ausgeschmückt.
Selbst alternativere Medien trauen sich kaum, die offizielle Version in Frage zu stellen. Als "seriös" gilt nicht, was gut recherchiert ist, sondern was nicht zu weit vom medialen Mainstream abweicht. Beispiele:
Telepolis-Artikel und
ND-Artikel, welche die Berlusconi-Version unhinterfragt übernehmen (der Telepolis-Autor beginnt seinen Text auch gleich mit "Die Hinweise sind klar, dass Mitglieder des Anarchistenmilieus für die Briefbombenserie vom 27. Dezember 2003 bis zum 5. Januar 2004 auf EU-Politiker und -behörden verantwortlich sind.").
Auf n-tv sagte der Journalist
Udo Ulfkotte (laut telepolis wegen seiner engen Kontakte zu den Geheimdiensten gerne als Experte konsultiert) "Es sind in der Regel Globalsierungsgegner. Personen aus dem Umfeld von Attac, Personen, die gegen die EU-Osterweiterung und die EU grundsätzlich sind, denen man diese Anschläge zuschreibt."
Bis jetzt gibt es keine Zeitung, kein Radio- oder Fernsehsender, in welchem auch nur leiseste Kritik an Widersprüchen oder Ungereimtheiten an Berlusconis Version zu erkennen wäre. Statt dessen werden Widersprüche und Unwahrheiten durch weitere Erfindungen kaschiert. Teilweise wird wie bei
1984 von George Orwell nach dem Motto: "Wir haben uns noch nie im Krieg mit Ozeanien befunden" verfahren.
Nach der teilweise
differenzierten Berichterstattung der bürgerlichen Medien zu den Polizeiübergriffen in Genua 2001 wird heute wieder über
"gewalttätigen Demonstranten" und "anarchistische Sprengstoffanschläge vor Genua" geschrieben. Dasselbe beim
Mord an Biagi.
Wandlungen und Manipulationen auch innerhalb der letzten Tage:
Zunächst wird eine frei erfundene Gruppe: FAI - "Federazione Anarchica Informale" für die Anschläge verantwortlich gemacht. Dieser Name ist eine Abwandlung der tatsächlich existierenden Federazione Anarchica Italiana. Dabei wurde über die "Täter" in den Medien verbreitet: "Sie vereinige die extremsten Verfechter der Anarchie und des Marxismus-Leninismus".
Zitat:
"Gegen das Europa der Herrschenden" habe sich etwa ein "Komitee der Anti-Imperialisten, Kommunisten und Anarchisten" auf die Fahnen geschrieben, berichtet die Zeitung "La Repubblica" unter Berufung auf Fahnder. "Kampf gegen die Politik der Ausbeutung der EU", heiße es in deren Manifest. In einem anderen sei eine brennende Europafahne zu sehen, darunter, frei nach dem alten Slogan von Karl Marx: "Ein Gespenst kehrt nach Europa zurück. Ihr Herrscher, fürchtet Euch!" (
aus dem stern)
Die echte F.A.I. gab daraufhin eine Erklärung zur Inszenierung heraus:
englische und französische Übersetzungen.
Einige Tage später heisst es dann in offiziellen Medien: "Deutlich grenzen sich diese Anarchisten von anderen Linken ab und erklären ihre Ablehnung des "marxistischen Krebsgeschwürs"." Die Sprache erinnert dabei stark an die der italienischen Faschisten, aus
deren Umfeld beispielsweise
Berlusconi stammt. Bei beiden widersprüchlichen Meldungen wird dieselbe Quelle genannt: La Repubblica, welche verschiedene Bekennerschreiben erhielt.
In der Berliner Zeitung lesen sich weitere Erfindungen der Berlusconi-Medien, die die Ungereimtheiten um den Namen der F.A.I. kaschieren sollen: "Das Kürzel ist absichtlich identisch mit dem der Federazione Anarchica Italiana, der 1945" (
hier ist der ganze Artikel. Kurzzeitig benannte der italienische Innenminister die FAI in
"Euro Opposition" um. Jedoch einigt "man" sich bald auf eine "bessere"(?) Version: Es gäbe in Wirklichkeit mehrere kleine Gruppen von anarchistisch über links bis rechtsextrem, die sich in einer Vereingung namens "Federazione Anarchica Informale" sammelten. Natürlich gäbe es dabei Verbindungen nach Spanien, Frankreich, Griechenland und so weiter. Daß der Name einer offensichtlich erfundenen F.A.I. weiterhin auftaucht und andere Ungereimtheiten, macht keine weiteren Sorgen - die Presse spielt ja mit. Und so verwundert es nicht, daß Innenminister heute mit einer weiteren "Enthüllung" aufwartet: Eine seit 20 Jahren tote Terrorgruppe gehört auch zum "Terror-Netzwerk":
"Neben italienischen Anarchistengruppen macht sie nun auch die Roten Brigaden verantwortlich. Italiens Innenminister sprach von einer "erhöhten Bedrohung" ... Die Terrorgruppe soll gemeinsam mit italienischen Anarchisten die mit Sprengstoff versehenen Briefe an EU-Politiker und -Behörden geschickt haben.". (
Spiegel-Meldung)
Weder über Widersprüche, vergangene Anschlags-Inszenierungen, die Gruppe P2, Methoden des Berlusconi-Umfeldes usw. wird berichetet, noch darüber, daß die Ziele zum Teil Rivalen von Berlusconi sind (Beispiel
Romano Prodi) oder militante Linke eine völlig andere Praxis haben.
[Zitat einer Ergänzung bei Indymedia:
"Vor einigen Wochen ist das Zustandekommen der EU-Verfassung gescheitert. Gab riesigen Streit. Italien wurde beim Streit stark von der EU angegriffen. Kann es sein, daß nun NACH den Verhandlungen zur EU-Verfassung nicht ganz zufällig EU-Einrichtungen von Italien aus als Ziel gewählt wurden?" (vom
Feature)]
Nur ein einziges mal wird der Verdacht der Inszenierung zumindest in Betracht gezogen:
"Bisher hat noch niemand den Verdacht geäußert, es könnte sich um rechten Terror handeln, der linken oder anarchistischen Bewegungen in die Schuhe geschoben werden sollte. Die linke Tageszeitung Il Manifesto kritisiert lediglich die politische Instrumentalisierung der Bomben von Seiten der Regierung" (
hier)
Immer wieder wird von Brief- und Paketbomben geschrieben, obwohl keiner der Briefe Sprengstoff enthielt. [Kriminologe Christian Pfeiffer: "Diese Umschläge enthalten keinen Sprengstoff, sondern eine brennbare Substanz, die beim Öffnen in eine Stichflamme aufgeht." (
www.nd-online.de/artikel.asp?AID=47051&IDC=2]...
Auch die Sprache der angeblichen Anarchisten erinnert eher an die Sprache von Faschisten oder verdeckt operierenden Polizeikräften: "marxistische[s] Krebsgeschwür...", "Operation Weihnachtsmann" nennen die Attentäter in einem Bekennerschreiben ihre Anschlagserie" (
siehe hier) und so weiter.
Das alles lässt den Eindruck von "gleichgeschalteter Presse" entstehen, was durch Medienmacht-Konzentration u.a. wohl gar nicht so falsch ist.
Zitate aus der Presse:
Headlines:
Briefbomben: Anarchisten sagen EU den Kampf an
Bolognas Anarcho-Szene mit neuem Feind
Italiens Revolutionäre haben neuen Feind: Die EU
Italien jagt Euro-Bomber
Europa-Anarchisten sind kaum zu fassen
Anarchisten im Blick der Fahnder
Sondereinheit gegen « Anarchisten »
Alarmstufe Gelb in Brüssel
Europa-Gegner mit Hang zur Gewalt
Post von Anarchisten
Die Anarchisten und ihr neuer Feind
mehr: einfach bei
news.google.de//">
news.google.de// die Suchbegriffe "Anarchisten" oder "Briefbomben" eingeben.
Zitate
aus:
Europa-Gegner mit Hang zur Gewalt aus kurier.at
"Vermutlich sind es Anhänger der zerstreuten italienischen Anarchisten-Szene. Diese Bewegung hat laut italienischen Ermittlern landesweit weniger als 300 Anhänger."
"Etwa 80 kleinere Attentate der vergangenen fünf Jahre in Italien sollen auf das Konto von Anarchisten gehen."
"Experten meinen, das diffuse Phänomen der "anarchistisch-aufständischen" Gewalt habe sich bereits in Genua, Mailand, Cagliari und Pisa gezeigt sowie seit kurzem in Bologna"
aus
Operazione Santa Clause»
"Operation Weihnachtsmann" nennen die Attentäter in einem Bekennerschreiben ihre Anschlagserie"
"An einem Sondertreffen in Rom haben mittlerweile Vertreter der Sicherheitsbehörden mehrerer EU-Länder die Einsetzung einer Task-Force beschlossen, die der Anschlagserie auf den Grund gehen soll. Zunächst sollen Informationen über europäische Anarchistengruppen gesammelt werden"
"Die «Federazione Anarchica Informale» - der «informelle Anarchistenverband» - war den italienischen Behörden bisher unbekannt. Laut ersten Erkenntnissen der Untersuchungsorgane handelt es sich bei dieser Gruppierung um einen losen Zusammenschluss von vier bestehenden Anarchistengruppen, nämlich der «Internationalen Solidarität», der «Brigade 20. Juli», der «5 C» sowie der «Kooperative Feuer und Ähnliches»."
"Italien ist ein wahres Biotop für links-umstürzlerische, anarchistische und separatistische Splittergruppen."
"«Europposizione», eine marxistisch angehauchte Gruppierung, die mit den Anarchisten den Hass auf das vereinte Europa teilt"
aus derstandard.at
"Die Ermittlungen der italienischen Justizbehörden gegen anarchistische Untergrundorganisationen, die für die Briefbombenserie gegen EU-Institutionen und -Vertreter verantwortlich gemacht werden, laufen auf Hochtouren"
"DDie Fahnder in Bologna, dem Aufgabeort der Briefbomben, haben ein Versteck gefunden, das als Stützpunkt für anarchistische Aktivisten diente, berichtete die Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera" (Mittwoch-Ausgabe)."
"Laut den Ermittlern wurde das Versteck von führenden Persönlichkeiten anarchistischer Gruppen in Italien besucht."
Meldung der Agentur APA:
"Bisher hatte sich eine "Informelle anarchistischen Föderation" (FAI - Federazione Anarchica Informale) zur Briefbombe an EU-Kommissionspräsident Romano Prodi am 27. Dezember bekannt. Die Gruppe hatte eine Kampagne gegen Europa angekündigt. Die italienische Polizei rechnet vier Grüppchen zu der Föderation: "Internationale Solidarität", "Brigaden des 20. Juli", "Handwerkskooperative Feuer und Partner" und die "Fünf C". Zudem habe sich eine Gruppe namens "Gegner Europas" angeschlossen. (APA)"
aus der
WAZ
"Rund um das mittelitalienische Bologna, von der nördlichen Toskana bis Genua und Turin, hat Anarchie Tradition. Schon immer gab es Gruppen, die in dieser Gegend mit Einzelaktionen ihre Verachtung gegenüber Staat und Institutionen ausdrückten. Wiederholt wurden Einzeltäter gefasst, ohne dass Drahtzieher oder Hintermänner sichtbar wurden"
Die
Süddeutsche Zeitung weiss:
"Italienische Anarchisten, die europäische Politiker und Beamte bedrohen - das ist wieder eine neue Dimension im internationalen Terrorismus. ... auf diese Form der Globalisierung hat die Welt auch zwei Jahre nach dem 11. September noch keine Antwort gefunden."
der Stern:
"Selbst von Querverbindungen zu Aufständischen in Sardinien und zu rechtsorientierten Gruppen ist die Rede."
DPA-Meldung:
(dpa) «Euro-Opposition» heiße das neue Schlagwort der Anarchisten. Innenminister Giuseppe Pisanu spricht von einer «schweren und aktuellen Gefahr»: Locker aufgebaut seien die Zellen, ohne feste Organisation und mit diffuser ideologischer Ausrichtung - anarchistisch eben, und schwer zu fassen. Und: Auch Verbindungen nach Deutschland soll es geben.